Text und Foto: Heinz Fäh

Kürzlich erzählte ein Mann in einem ökumenischen Kreis, was ihm widerfahren ist: Er hatte sich im Winter auf einer einsamen Tour verlaufen und stand nach langem Aufstieg durch den Schnee plötzlich vor einem weglosen, gefährlichen Abhang. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Was sollte er bloss tun, denn er musste hinab ins Tal? Für den Rückweg war es zu spät. In dieser Situation hörte er in sich eine Stimme, die ihm sagte. «Warte nur- Hilfe kommt.» Er hatte gelernt, dieser Stimme zu vertrauen. So setzte er sich und wartete. Nach einiger Zeit bahnte eine Bache mit ihren Jungen ihren Weg durch den Schnee, kam auf den Wanderer zu, beschnupperte ihn, wendete und trottete die steile Bergflanke sicheren Schritts hinab. Sie wusste den Weg ins Tal. Der Wanderer brauchte ihr bloss zu folgen. Zufall? Intuition? Für den Wanderer war es eine deutliche Erfahrung der Leitung durch Gottes Geist.

Gott beginnt nicht dort, wo unsere Ratio am Ende ist. Er ist nicht für das Unerklärliche oder Jenseitige zuständig. Wenn Gott ist, dann ist er mit und in dieser Welt. Die Frage ist bloss, ob wir die Wege erkennen, die er uns bahnt. Manchmal mag auch ein Wildschwein Gottes Fingerzeig sein.

Wo sich Gottes Geschichte in der Welt mit meiner Geschichte verwebt, wächst Glaube, wenn ich der Spur folge. Die Bibel ist voller Zeugnisse göttlicher Spuren, die sich in Jesus Christus zur Begegnung mit Gott selbst verdichten. Die Verkündigung der biblischen Botschaft ist nichts anderes als Fährtenlesen. Es ist unsere Aufgabe als Christenmenschen, diese Geschichte zu erzählen und sie mit unserer Weltund Lebenserfahrung zu verbinden.

Genau dies geschah an fünf ökumenischen Abenden, an denen jeweils eine Person von ihrem Glaubensweg erzählte. Der Mann, der dem Wildschwein folgte, war der Kapuziner Niklaus Kuster. Er hat mir durch seine Geschichte nicht nur ein Lächeln geschenkt, sondern meinen Glauben gestärkt an den Gott, der mit uns
ist.