Selbstbestimmt leben – selbstbestimmt sterben

 

Wo sind die Grenzen zum selbstbestimmten Leben und Sterben? Zu diesem brisanten Thema veranstaltete die ref. Kirchgemeinde Rapperswil-Jona einen Vortragsnachmittag mit anschliessender Diskussion und zwei kontroversen Referenten seitens Palliative Care und Exit.

Referentin Pfarrerin Renata Aebi, Beauftrage für Seelsorge in der Palliative Care der Evangelischen Kantonalkirche St. Gallen, sieht in der Forderung von Exit nach einem liberalisierten Zugang zum Altersfreitod für sogenannte «Lebenssatte» ein gefährliches und falsches gesellschaftliches Signal: Dies sei sozusagen eine Bankrotterklärung aller Bemühungen um Humanität und eine alarmierende Entwicklung! Die Diskussion um den Altersfreitod zeige die Verunsicherung und Ängste einer breiten Öffentlichkeit in Bezug auf Hochaltrigkeit und Pflegeabhängigkeit. Allerdings stellt sie nicht in Abrede, dass Menschen nach langem, unheilbarem Leiden an einen Punkt gelangen können, wo sie nicht mehr leben wollen und den Weg der Suizidbeihilfe sozusagen als letzten Ausweg wählen.

Palliative Care für ein menschenwürdiges Sterben

«Es soll ganz sicher niemand beurteilt oder gar verurteilt werden, der die Suizidbeihilfe wählt», so Pfarrerin Aebi.  Doch sollten ihrer Meinung nach Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen Menschen sich auch im hohen Alter, Gebrechlichkeit, Invalidität und schwerer Erkrankung angenommen fühlen und ihre Würde gewahrt wird. Die Lancierung der Palliative Care-Strategie 2010-15 durch Bund und Kantone mit dem Ziel, die Lebensqualität von Schwerkranken und sterbenden Menschen in der Schweiz  zu verbessern, und das Grundlagenpapier des Bundes vom 31. August 2015 für den verstärkten Einsatz von Palliative Care in der Langzeitpflege und Pflege zuhause, sei ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung, so Pfarrerin Aebi. Die Einzigartigkeit jedes Lebens und jedes Menschen habe einen unverlierbaren Wert. Durch solidarisches Teilen von Leben und Leiden lerne man viel. Wenn Menschenwürde mit Gesundheit und Funktionalität verknüpft werde, entstehe ein enormer Druck auf die Schwächsten in der Gesellschaft (Euthanasie-Gefahr). Aus der christlichen Perspektive mache das Leiden durchaus Sinn und Heil bedeute nicht unbedingt körperliche Unversehrtheit. Die Palliative Care wahre die Würde und Daseinsberechtigung eines Menschen und unterstütze und begleite ihn, mittels optimaler Schmerz- und Symptombekämpfung, medizinisch, psychologisch, sozial und spirituell auf seinem Weg in den Tod.

Exit als Freipass in den Tod

Walter Fesenbeckh, Theologe und Freitodbegleiter und ehemaliges Vorstandmitglied EXIT sprach sich für EXIT aus. Dies sei keine Hauptstrasse zum Abgang, sondern eine Notlösung. Ca. 600 Personen  pro Jahr wählen in der Schweiz die Suizidbeihilfe. Eine starke Zunahme sei nicht zu verzeichnen. "Meistens treten die Angehörigen auf die Notbremse", so Fesenbeckh. EXIT übe keinen Druck aus. Für die Sterbehilfe gibt es klare Kriterien: Nur wer "aus selbstsüchtigen Beweggründen" jemandem zum Selbstmord Hilfe leistet, wird nach Art. 115 StGB mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft. Bei der Suizidhilfe geht es darum, dem Patienten die tödliche Substanz zu vermitteln, die der Suizidwillige ohne Fremdeinwirkung selber einnimmt. Das Bundesgericht verlangt zusätzlich eine präzise Abklärung, keinen Spontanentscheid  (Konstanz), Abklärung durch einen Arzt oder zwei Psychologen, keinen Druck von aussen, Urteilsfähigkeit, etc.. Allerdings können psychisch wie körperlich Kranke, diesen Dienst in Anspruch nehmen ohne unheilbar krank zu sein. Exit sieht sich nicht als Gegner der Palliativ Care, sondern als marginale Ergänzung.

Der gut besuchte Anlass endete in einer interessanten Diskussion. Jemand liess verlauten:  Die fortschrittliche Medizin sei schuld, dass der Tod oft hinausgezögert werde. Die Patientenverfügung wurde als Mittel zur eigenständigen und eigenverantwortlichen Entscheidung im Umgang mit der medizinischen Versorgung bei einer terminalen Erkrankung, einem schwerem Unfall oder nahendem Tode erwähnt und befürwortet. Diese könne durchaus eine Suizidbegleitung ersetzten, vermerkte Fesenbeckh. Es sei ein Teil ihrer Arbeit. Auch das Sterbefasten sei eine Alternative. Im Hinblick auf die Palliative Care wurden Bedenken laut wegen fehlendem Pflegepersonal, im Falle von Demenz und unheilbaren Schmerzen.  Auch Christus als Wegbegleiter und Helfer kam ins Gespräch und die tragende Rolle des Glaubens. Fragen nach Möglichkeiten und Grenzen der medizinischen Versorgung und deren Kosten standen im Raum, ob hohe Pflegekosten mögliche Auslöser für einen Suizid seien oder wann ein Verzicht auf lebensverlängernde Massnahmen angezeigt sei.  Wo sind die Grenzen? – der Selbstbestimmung? Dies sind schwierige Fragen, jeder müsse schlussendlich für sich selber entscheiden, so Diakon Christopher Wellauer. Zu Thema Patientenverfügung sei ein separater Anlass im März 2016 geplant, wo nochmals brisante Fragen behandelt werden.  (Einges./ AL)

Wo sind die Grenzen zum selbstbestimmten Leben und Sterben? Zu diesem brisanten Thema veranstaltete die ref. Kirchgemeinde Rapperswil-Jona einen Vortragsnachmittag mit anschliessender Diskussion und zwei kontroversen Referenten seitens Palliative Care und Exit.

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