Geschichte aus dem Alltag

«Verletzlich war er, angewiesen auf die Hilfe von anderen»

Pfarrerin Katharina Hiller Frank erzählt zu Weihnachten eine Geschichte aus dem Alltag. Es ist die Geschichte von helfenden Händen, die sich kümmern. Es ist eine Weihnachtsgeschichte in einer merkwürdigen Zeit.

In der Linthzeitung vom 24.12.2020 von Katharina Hiller*

An einem Morgen mitten im Advent dieses merkwürdigen Jahres. Grau ist es draussen und matschig. Meine Kollegin Katja und ich machen gerade in der Küche vom Diakonat unsere Kaffeepause und schauen aus dem Fenster.

Da passiert es: Wir sehen, wie ein älterer Mann mit seinem Velo auf der nassen Strasse ausrutscht und hinfällt. Seine Einkäufe fliegen mit Schwung aus dem Korb und verteilen sich in alle Richtungen. Wir beide zucken zusammen. Wollen unserem Impuls folgen und dem Mann zu Hilfe eilen – aber da ist jemand schneller als wir.

Die Jungs haben uns tief beeindruckt

Fünf Jugendliche, in weissen Turnschuhen, schwarzen Jogginghosen und riesigen Kapuzenpullovern rennen auf die Strasse. Eben hatten sie noch hinter dem Sonnenhof gestanden und geraucht. Die Jungs sprechen den Mann am Boden an, greifen ihm unter die Arme und helfen ihm beim Aufstehen. Sie sammeln die Einkäufe ein und schauen, dass kein Auto kommt. Zwei bleiben bei dem Mann, bis er sich gefangen hat. Wenige Minuten später steigt er wieder auf sein Rad und fährt weiter. «En schööne Tag no!», rufen sie ihm hinterher.

Und wir oben am Fenster? Wir staunen. «Wow! Diese Jungs sind doch einfach super!» Sie waren sofort zur Stelle und haben geholfen. Tief beeindruckt gehen meine Kollegin und ich wieder an unsere Arbeit.

Diese Szene geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Denn wenn ich zurückblicke, dann steht diese spontane Hilfsbereitschaft exemplarisch für vieles, was dieses Jahr geprägt hat.

Die Pandemie hat unser Leben auf den Kopf gestellt. Aber sie hat auch Zeichen der Liebe und Fürsorge sichtbar werden lassen. Oft völlig unerwartet. Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben älteren Nachbarn ihre Hilfe angeboten. Sie gingen einkaufen, leisteten technische Unterstützung oder hielten Kontakt von Balkon zu Balkon. An diesen Weihnachten kennt sich die Nachbarschaft und weiss, dass sie sich im Notfall aufeinander verlassen kann.

Diese neue Hilfsbereitschaft ist in meinen Augen mehr als nur «praktisch». Das Wissen um die eigene Verletzlichkeit und die Verletzlichkeit des anderen hat uns alle vorsichtiger und authentischer, aber auch stärker werden lassen. Ich nenne das Nächstenliebe.

Die Weihnachtsbotschaft passt zu unserer momentanen Lage

Wenn ich als reformierte Seelsorgerin in diesen Tagen kurz vor Weihnachten in Rapperswil-Jona unterwegs bin, dann erzählen mir die Menschen von einer besseren Zukunft, trotz aller bevorstehenden Einschränkungen. Die Erwartungen sind gross, dass im nächsten Jahr die Impfstoffe Besserung bringen, schon bald ein Wiedersehen mit Familie sowie Freundinnen und Freunden möglich ist und Zukunftspläne umgesetzt werden können. Das alles gibt ihnen Kraft, die momentane Situation durchzuhalten und zu gestalten. Diese Hoffnung macht froh.

Gerade weil nicht alle miteinander feiern können, wird sogar das traditionellste Fest neu gedacht. Es kann dieses Mal kein grosses Familientreffen geben. Das Beieinandersein findet auf andere Weise statt.

Die christliche Weihnachtsbotschaft passt sehr gut zu unserer momentanen Lage: Der Sohn Gottes wurde mitten in eine Krisensituation hineingeboren. Nicht im vertrauten Kreis der Familie, sondern unter ungemütlichen, sogar extrem schwierigen Bedingungen. Verletzlich war er und angewiesen auf die Hilfe von anderen. Aber getragen von Marias und Josefs Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Damals wie heute erreicht die Menschen die Botschaft der Engel: «Fürchtet euch nicht! Euch ist der Retter geboren!» Die Engel rufen dies allen zu, die in den vergangenen Monaten auf Hilfe angewiesen waren, und all denen, die anderen geholfen haben.

«Fürchtet euch nicht!», rufen sie denen zu, die um ihre Liebsten bangen, auf bessere Zeiten hoffen und ein anderes Weihnachten suchen. Ich bin überzeugt: Die Nächstenliebe, die Hoffnung und der Glaube an die Botschaft der Engel haben in diesem Jahr die Herzen vieler Menschen bewegt. Ihres auch?

* Katharina Hiller ist Pfarrerin der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Rapperswil-Jona.

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