Flüchtlinge – damals und heute

Christopher Wellauer, Diakon der Evang.-ref. Kirchgemeinde Rapperswil-Jona, organisiert zum Thema «Flüchtlinge» einen spannenden Anlass und lud dazu den Enkel von Paul Grüninger, Dieter Roduner und den preisgekrönten Buchautor Stefan Keller, zum Gespräch ein.

Seit mehreren Jahren suchen Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten in Afrika und Asien einen sicheren Ort zum Leben. Sie begeben sich auf abenteuerliche Wege, zahlen horrende Summen an Geld für Schlepper, riskieren Leib und Leben bei gefährlichen Überfahrten übers Meer, und landen dann in Europa, das teilweise seine Grenzen schliesst und mit gezielten Botschaften den Fremdenhass schürt.

Akte Grüninger – ein versuchter Vergleich mit heute

Schon einmal spielten sich ähnliche Szenen an den Schweizer Grenzen ab, wie heute. Was lehrt uns der Vergleich mit Paul Grüninger? Auf diese Frage und dessen Schicksal, gingen die beiden Referenten Stefan Keller und Dieter Roduner, anlässlich des Anlasses 60+, gezielt ein. Stefan Keller, ehemaliger Redaktor der Wochenzeitung WOZ, betrieb viele Recherchen in Sachen Paul Grüninger, interviewte Angehörige, Flüchtlinge, ehemalige Grenzwärter und veröffentlichte 1993 sein zweites Buch «Grüningers Fall – Geschichten von Flucht und Hilfe». Er wurde dafür mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Seit 1998 ist Stefan Keller Vizepräsident der Paul Grüninger Stiftung in St. Gallen.

Paul Grüninger, Polizeihauptmann und Kommandant der St. Galler Kantonspolizei, war während des 2. Weltkriegs mit der Grenzkontrolle im Rheintal betraut und half vielen Schutz suchenden Juden – trotz Grenzsperre – in die «sichere» Schweiz zu gelangen. Laut Keller war es ein Akt der Zivilcourage und rettete viele Menschenleben. Dafür erlitt Grüninger Ächtung, Verleumdung, Verurteilung, den Verlust seiner Arbeitsstelle und seiner Pension (1939). Danach lebte er von Gelegenheitsarbeiten und starb 1972 völlig verarmt in St. Gallen. Sein Enkel mütterlicherseits – Sekundarlehrer Dieter Roduner erlebte seinen Grossvater als grosszügigen, gutmütigen und warmherzigen Menschen. Erst Jahrzehnte später – dank eines Leserbriefs des St. Galler Ständerates Dr. Willi Rohner und einer Appellation von Kantonsrat Hans Breitenmoser aus Gossau (1968), wurde die Öffentlichkeit auf Paul Grüninger aufmerksam und kam der Rehabilitationsprozess ins Rollen. 1993 wurde Grüninger durch die St. Galler Regierung politisch rehabilitiert. 1994 veröffentlichte der Schweizer Bundesrat eine Ehrenerklärung für ihn. 23 Jahre nach seinem Tod, hob das Bezirksgericht St. Gallen das Urteil auf und sprach Grüninger frei. Als Entschädigung für das erlebte Unrecht wurde seiner Frau eine Entschädigung in der Höhe von 1,3 Mio. ausbezahlt, die sie für die Gründung der Paul Grüninger Stiftung verwendete. Alle drei Jahre verteilt die Stiftung, gemäss Stiftungsrat Dieter Roduner, einen Preis in der Höhe von Fr. 50'000.- an Projekte der Menschlichkeit und für Menschen, die durch ihren Mut in materielle Not gerieten oder Opfer von Menschenrechtsverletzungen wurden.

Erwartungen heute

Der Umgang mit Flüchtlingen ist gerade heutzutage wieder ein brisantes Thema. Keller monierte: Er würde an ihrer Stelle auch aus dem Kriegsgebiet fliehen. Es seien Menschen wie Du und Ich und in den Auffanglagern fehle es zum Teil an allem Nötigen. Es sei Pflicht, so viele Menschen wie möglich zu retten. Die Geschichte dürfe nicht instrumentalisiert und die Situation dramatisiert werden. Vielmehr seien Lösungen gefragt und Einigung in der Flüchtlingspolitik. Die Aufgabe der Kirche sieht er in der Umsetzung der christlichen Werte. Von der Bevölkerung erwartet er Solidarität. Auch Roduner erhofft sich eine grosszügige Flüchtlingspolitik. Man solle die Geschichte mehr von den Betroffenen her betrachten und auch einmal die Perspektive wechseln. Auf die Frage von Diakon Wellerauer, welcher Weg angesagt sei, antwortete Keller diplomatisch: «Zivilcourage oder Anpassung – jeder soll selber denken.» Vor wenigen Jahren gab es in der Schweiz während einiger Zeit Plakate der reformierten Kirche mit der Aufschrift: «Selber denken.»

Bild: v.l.n.r.: Buchautor Stefan Keller, Diakon Christopher Wellauer, Dieter Roduner

Christopher Wellauer, Diakon der Evang.-ref. Kirchgemeinde Rapperswil-Jona, organisiert zum Thema «Flüchtlinge» einen spannenden Anlass und lud dazu den Enkel von Paul Grüninger Dieter Roduner und den preisgekrönten Buchautor Stefan Keller, zum Gespräch ein.

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